„Das ist normal.“
„Das gehört zur Periode dazu.“
„Vielleicht sind Sie einfach etwas empfindlich.“
Solche Sätze hören Betroffene von Endometriose oft über Jahre hinweg. Was dabei oft passiert, hat einen Namen: Medical Gaslighting. Damit ist gemeint, dass Beschwerden heruntergespielt, fehlinterpretiert oder nicht ernst genommen werden – oft ohne böse Absicht, aber mit spürbaren Folgen für die Betroffenen.
Was ist Medical Gaslighting?
Der Begriff beschreibt eine Situation, in der Patient:innen das Gefühl haben, dass ihre Symptome als nicht „real“ angesehen werden oder sie diese übertreiben. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn Schmerzen als psychisch bedingt abgetan werden, Untersuchungen ausbleiben oder Beschwerden nicht weiter abgeklärt werden.
Wichtig ist: Medical Gaslighting bedeutet nicht automatisch, dass Ärzt:innen bewusst falsch handeln. Häufig liegt es an Wissenslücken, Zeitdruck oder veralteten Vorstellungen über bestimmte Erkrankungen – so auch bei Endometriose.
Warum bei Endometriose so häufig?
Endometriose ist eine komplexe, chronische Erkrankung, die sich sehr unterschiedlich äußern kann. Typische Beschwerden wie starke Regelschmerzen, Unterbauchschmerzen oder Erschöpfung werden jedoch häufig als „normal“ eingeordnet – insbesondere bei jungen Betroffenen. Studien zeigen, dass im Durchschnitt mehrere Jahre bis zur Diagnose vergehen. In dieser Zeit erleben viele Betroffene, dass ihre Schmerzen nicht ernst genommen werden, sondern als gewöhnliche Periodenschmerzen abgetan oder vorschnell psychischen Ursachen zugeschrieben werden. Dabei sind die Schmerzen bei Endometriose biologisch erklärbar, unter anderem durch chronische Entzündungsprozesse und die Bildung eigener Nervenfasern im Gewebe.
Auch im Alltag kann sich Medical Gaslighting auf unterschiedliche Weise zeigen. Manche Betroffene berichten, dass ihnen gesagt wird, ihre Beschwerden seien nichts Ungewöhnliches, obwohl sie stark eingeschränkt sind. Andere erleben, dass ihre Symptome auf Stress reduziert werden, ohne dass weitere Diagnostik erfolgt. Häufig werden wiederholt Schmerzmittel oder hormonelle Therapien verschrieben, ohne die Ursache genauer zu untersuchen. Besonders belastend ist dabei oft, dass viele beginnen, an sich selbst zu zweifeln und ihre eigenen Wahrnehmungen infrage stellen.
Folgen von Medical Gaslighting
Diese Erfahrungen können weitreichende Folgen haben. Neben einer verzögerten Diagnose und einer möglicherweise unzureichenden Behandlung entsteht häufig auch eine erhebliche psychische Belastung. Gefühle von Unsicherheit, Frustration und Hilflosigkeit sind keine Seltenheit. Zudem kann das Vertrauen in medizinisches Fachpersonal leiden, was den weiteren Umgang mit der Erkrankung zusätzlich erschwert.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist inzwischen gut belegt, dass Endometriose mit einer chronischen Entzündungsreaktion und Veränderungen im Immunsystem einhergeht. Auch die Fähigkeit der Herde, eigene Nervenfasern zu bilden, trägt zur Schmerzentstehung bei. Diese Erkenntnisse unterstreichen, dass die Beschwerden der Betroffenen eine klare biologische Grundlage haben und nicht als Einbildung oder Übertreibung abgetan werden können. Gleichzeitig zeigen Studien zur Versorgungssituation, dass strukturelle Probleme und ein immer noch unzureichendes Bewusstsein für die Erkrankung dazu beitragen, dass Endometriose häufig erst spät erkannt wird.
Deine Symptome sind real!
Wenn du dich in diesen Erfahrungen wiedererkennst, ist es wichtig zu wissen: Deine Beschwerden sind real und verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit. Es kann hilfreich sein, deine Symptome zu dokumentieren, eine zweite Meinung einzuholen oder spezialisierte Zentren aufzusuchen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlastend wirken und dabei helfen, die eigenen Erfahrungen einzuordnen.
Medical Gaslighting macht deutlich, dass es nicht nur um einzelne Begegnungen im Gesundheitssystem geht, sondern auch um größere strukturelle Herausforderungen. Endometriose wurde lange unterschätzt und zu wenig erforscht. Umso wichtiger ist es, dass sich das ändert – durch mehr Aufklärung, bessere Forschung und ein Gesundheitssystem, das Betroffenen zuhört und ihre Beschwerden ernst nimmt.
